Mikrobiomtransfer: „Kassandras sind ganz wichtig auf dem Gebiet“

Der Anteil an Erkrankungen in Österreich, die durch Clostridium difficile-Bakterien verursacht werden, liegt bei rund 7400 Fällen. Schwere, seit 2010 meldepflichtige Verläufe, haben sich im Zeitraum von 2010 bis 2013 verdoppelt und liegen bei 218 Infektionen – Tendenz steigend. Warum der nosokomiale Keim clostridium difficile so gefährlich ist und inwieweit die Stuhltransplantation hier positiv wirksam sein kann, erklärt Dr. Patrizia Kump, Oberärztin an der Klinischen Abteilung für Gastroenterologie und Hepatologie der Medizinischen Universität Graz. Neben Univ.-Prof. Dr. Christoph Högenauer ist sie in Österreich die einzige Ärztin, die Stuhltransplantationen durchführt.

Dr. Kump: Die Infektion durch Clostridium difficile ist die häufigste bakterielle Infektion in den westlichen Ländern und sie nimmt extrem zu. Ursache ist sicher die unkritische Antibiotikagabe und die damit einhergehenden, zunehmenden Resistenzen. Und Clostridien können auch Sporen bilden, die schlecht durch Desinfektionsmittel zu vernichten sind.

Derzeit ist die Infektion mit clostridium difficile noch die einzige offiziell genehmigte Indikation für eine Stuhltransplantation. Wird auf Grund der hohen Erfolgsquote (90 Prozent) geforscht, ob diese Methode in Zukunft nicht auch bei anderen Infektionskrankheiten, die den Darm stark in Mitleidenschaft ziehen, eingesetzt werden kann?

Dr. Kump: Es laufen da schon einige Studien – vor allem in Graz und im AKH in Wien wurden Studien mit Colitis ulcerosa durchgeführt – mit einem sehr vielversprechenden Verlauf. Es ist auch kürzlich eine Publikation zu Morbus Crohn erschienen, wo man gute Erfolge zeigen konnte. Allerdings ist es bei diesen Erkrankungen wesentlich komplexer, und die Erfolgsraten von 90 Prozent, wie wir sie bei clostridium difficile sehen, werden nicht erreicht. Dennoch sind auch hier die Ergebnisse vielversprechend.

Warum zeigen sich Expertinnen und Experten trotz der offensichtlichen Überlegenheit gegenüber der Antibiotika-Therapie, wo die Erfolgsquote bei der Behandlung von clostridium difficile Patienten bei nur 33 Prozent liegt, nur vorsichtig optimistisch?

Dr. Kump: Das Thema wird kontrovers behandelt. Es ist nicht ganz sicher, ob man den Patienten möglicherweise mehr Schaden zufügt, als Nutzen. Das Problem ist die Langfristigkeit, also: Was gibt man den Patienten langfristig an Pathogenen mit? Es ist durchaus möglich, dass die Darmflora bis zu einem gewissen Grad mit der Entstehung von Tumoren in Zusammenhang steht. Auch Autoimmunkrankheiten können von Darmbakterien eventuell induziert werden. Die Stuhltransplantation ist momentan ein großer Hype, aber man muss sie auch kritisch hinterfragen. Diese Kritiker, die Kassandras, sind ganz ganz wichtig auf dem Gebiet.